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Carogna

Italien ist momentan ja in den deutschen Medien recht präsent. Dabei geht es einmal nicht um die Politik, zumindest nicht direkt. Es geht um Fußball, um Gewalt, Ultras und Kriminalität.

Was ist passiert?
Vor dem italienischen Pokalfinale letzten Samstag zwischen Neapel und Florenz ist die Gewalt eskaliert, es wurde geschossen, ein neapolitanischer Fan (?) liegt mit lebensgefährlichen Schusswunden im Krankenhaus, sein Zustand scheint sich zu verschlechtern.
Danach wollten die Fans (?) von Napoli die Partie verhindern, Mannschaft und der angebliche Anführer des neapolitanischen Fanblocks haben aber einen Waffenstillstand verhandelt und die Partie konnte mit 45 Minuten Verspätung beginnen. Danach wurde von allen offiziellen Stellen des Staates und des Fußballes bestritten, dass es überhaupt Verhandlungen mit den Ultras gegeben habe….

Hauptfigur dieser Szenen war Genny ‚a carogna. Toller Name.
Was bedeutet er allerdings? Bei Spiegel Online wird er mit „Genny der Schreckliche“ übersetzt, alternativ mit „Ekel“.
Das ist meiner Meinung nach unzureichend.

Leo meint dazu Folgendes:
carogna – Aas, Kadaver, Luder, Ekel, Biest.
Eine carogna ist allerdings, auf einen Menschen bezogen mehr: sie ist böse, fies, brutal. „Der Schreckliche“ reicht dafür nicht aus und zieht dazu noch meinen persönlichen Helden Hägar (der Schreckliche) in den Schmutz.
Wenn auch keine offizielle Übersetzung, so ist für mich doch der Ausdruck „Drecksack“ recht zutreffend.

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Arbeitslosigkeit in Italien

Gestern hatte ich noch relativ allgemein darüber geschrieben, heute wurden die neuesten Zahlen veröffentlicht:
12,5% Arbeitslosigkeit, der höchste Wert seit 1977;
40,4% unter den 15-24jährigen sind arbeitslos!

Und was scheint weiterhin Italiens größtes Problem zu sein (und das ist leider auch gar nicht so falsch, wie in meinem Post „im Würgegriff des Ritters“ beschreiben): ob Berlusconi jetzt sein Amt als Senator aufgeben muss oder nicht…

Italien, quo vadis?

Quellen:
http://www.repubblica.it/economia/2013/10/31/news/disoccupazione_al_12_5_top_dal_1977_per_i_giovani_tasso_record_al_40_4_-69904366/
http://www.repubblica.it/politica/2013/10/30/news/reazioni_voto_giunta-69827336/

Harte Zeiten

Während in Deutschland die Wirtschaft so ziemlich brummt, sieht dies hier in Italien ganz anders aus. Es geht abwärts, und dies nun schon seit einiger Zeit. Die Arbeitslosigkeit steigt weiterhin, vor allem unter der Jugend bzw. den Universitätsabsolventen. Auch bei uns in der Straße gibt es mittlerweile kaum noch eine Familie, in der nicht mindestens ein Familienmitglied in Kurzarbeit oder gar arbeitslos ist. Die Sommerurlaube werden immer kürzer, wenn sie nicht ganz ausfallen, Mieten werden nicht mehr bezahlt, immer mehr Häuser stehen zum Verkauf, weil man sich die Finanzierungsraten nicht mehr leisten kann.

Der italienische Staat steht dem italienischen Bürger natürlich in diesen harten Zeiten zur Seite, die Staats- und Gemeindekassen sind ja gut gefüllt…. Scherz gemacht!
Alle paar Monate werden öffentliche Leistungen beschnitten, das Gesundheitssystem kaputtgespart.

Und jetzt dann der neueste Gag: die Müllgebühren.
Die hat der Italiener natürlich schon immer bezahlt, aber dieses Jahr gibt es eine Neuheit. Bisher wurden die Gebühren immer erst im Folgejahr von der Gemeinde eingezogen, sprich, die Müllgebühren für 2012 wurden erst 2013 bezahlt; um dem Bürger entgegenzukommen, wurden sie sogar in Raten bis in den Sommer aufgeteilt. Die letzte Rate wurde bei uns in der Gemeinde erst im Juli fällig. Außerdem konnte man so die effektiven Gebühren eintreiben, wer umgezogen ist, zahlte natürlich nur anteilsmäßig.
Und dann Mitte Oktober die Überraschung: Neue Müllgebühren, welche laut Gesetz im laufenden Jahr bezahlt werden müssen, in nur zwei Raten, bis Ende Oktober und bis Ende Dezember. Wer also im November umzieht, bezahlt bis Dezember, muss im nächsten Jahr sich die Kosten für Dezember erstatten lassen und in der neuen Gemeinde den Dezember nachzahlen.
Dazu kommt, dass die Gebühren deutlich erhöht worden sind!
Als Beispiel: wir haben für 2012 rund 220 Euro bezahlt, den zehnprozentigen Erlass dafür, dass wir kompostieren, also keinen Biomüll verursachen, schon eingerechnet. Ohne die Wohnfläche, noch die Zahl der Haushaltsmitglieder erhöht zu haben, müssen wir 2013 rund 350 Euro bezahlen, also knapp anderthalbmal so viel! Sprich, dieses Jahr bezahlen wir insgesamt 570 Euro an Müllgebühren!

Und das in den oben genannten harten Zeiten, in denen viele Bürger sowieso schon jeden Cent zweimal umdrehen (müssen).

Ich schätze, dass dieses Weihnachten die italienischen Gabentische noch leerer sein werden, als schon im letzten Jahr…

The Boxer

Das erhoffte K.O. gab es nun ja doch nicht, im grossen Kampf am Dienstag. Aber der Kämpfer taumelt, er ist ganz eindeutig angezählt. Mal schauen, wie die nächsten Runden ausgehen.

Heute steht ja schon die Nächste an: Eine parlamentarische Kommission soll über den Ausschluss des Kämpfers aus dem Senat entscheiden (aufgrund der Verurteilung wegen Steuerhinterzugs), hat sich aber bisher erfolgreich um eine Entscheidung gedrückt. Allerdings haben sich seit Dienstag die Gewichte verschoben, man darf also gespannt sein.

„In the clearing stands a boxer and a fighter by his trade“ (Simon and Garfunkel – The Boxer, 1969 (Single, Album: Bridge over Troubled Water, 1970)

Im Würgegriff des Ritters

Eigentlich war der Ex-Premierminister schon längst abgeschrieben und politisch erledigt, als es die Linke doch noch geschafft hat, den Wahlkampf zu versauen und auch noch die Wahlen fast zu verlieren. Zum Glück allerdings nur fast. Es kam jedenfalls zu einem politischen Patt, Mitte-Links und Mitte-Rechts gingen unter der bildenden Hand des Staatspräsidenten eine grosse Koalition ein, der Ritter verzichtete grossmütig im Interesse und Wohl des Volkes auf ein Regierungsamt, um die grosse Koalition tatsächlich zu ermöglichen. Hin und Wieder tauchte er in den Nachrichten auf, wenn er wiederholt damit drohte, die Regierung platzen zu lassen, sollte die Immobiliensteuer IMU nicht abgeschafft werden. Das war eines der groβen Wahlversprechen des Ritters; er versprach sogar, sollte er gewinnen, die schon bezahlte IMU zurückzuerstatten. Mit welchem Geld des hochverschuldeten Staates er dies erreichen wollte, erklärte er freilich nicht.

Kurz und Gut, das Land hatte eine Regierung, die so vor sich hinwurschtelte, hin und wieder stritt (meist hatte es mit dem Ritter zu tun), aber im Grossen und Ganzen hatte das Land schon turbulentere Zeiten erlebt.

Dann aber wurde, zum ersten Mal, geschichtsverdächtig, der Ritter rechtskräftig verurteilt, für vier Jahre. Und politische Ämter sollte er für ganze fünf Jahre nicht mehr ausüben sollen! Skandal! Er sei doch unschuldig!

Seitdem ist es mit der Ruhe vorbei, der Ritter beherrscht wieder alle Nachrichten zu jeder Tag- und Nachtzeit. Mal droht er unverholen, die Regierung platzen zu lassen, sollte er nicht irgendwie um die Strafe herumkommen, mal will er den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straβburg anrufen, mal will er um Gnade beim Staatspräsidenten bitten (was allerdings ein Eingeständnis seiner Schuld wäre), mal will er zuruecktreten. Das ändert sich alle fuenf Minuten, jeder seiner Politiker, die seitdem das öffentliche und private Fernsehen in Beschlag genommen haben gibt eine andere Drohkulisse zum Besten. Nur in einem sind sie sich einig: Der Ritter ist unschuldig!

Ergebnis: Der Ritter erpresst praktisch Staat und Regierung, wieder einmal hängt das Schicksal des Landes vom Schicksal einer einzigen Person ab, der Person, die das Land seit 20 Jahren im Atem hält. Ich hoffe (entgegen aller politischen Vernunft), dass der Ritter tatsächlich die Regierung platzen lässt, und somit endlich ganz offen zu gibt, dass er nur aus persönlichen (wirtschaftlichen) Gründen in die Politik gegangen ist, diese 20 Jahre lang nur im eigenen Interesse betrieben hat und ihn Land und Volk gar nicht interessieren. Danach kann ihn eigentlich Keiner mehr wählen wollen.

Wobei, leider Gottes bin ich mir da gar nicht so sicher.